Wir müssen uns die Frage stellen, warum so viele Jugendliche die Schulen frustriert und gescheitert verlassen. Der Erfolg guter Schulen beschränkt sich nicht auf gute Abschlussnoten, gute Schulen zeichnen sich dadurch aus, dass alle gefördert und herausgefordert werden. Egal ob ein Kind mit einem schwierigen Umfeld zu kämpfen hat, mit einem Handicap lebt, hochbegabt ist oder durch sein Verhalten ganz neue Formen der Zusammenarbeit herausfordert.

Kinder akademisch ausgebildeter Eltern studieren fast alle, allerdings erreicht nur jeder fünfte sozial benachteiligte Schüler ein hohes Bildungsniveau. Längeres gemeinsames Lernen und individuelle Förderung statt Sitzenbleiben ist der Weg zu mehr Chancengerechtigkeit.

Gemeinsam lernen

Alle SchülerInnen in Schleswig-Holstein sollen die gleichen Chancen durch ein vielfältiges Bildungsangebot und individuelle Förderung erhalten. Noch immer liegen viele Schulartempfehlungen falsch. Dadurch entsteht Frust durch Unter- oder Überforderung.

Das frühzeitige Sortieren in drei Schularten kostet viel Energie und Motivation auf allen Seiten. Wer „eine Klasse“ nicht im Gleichschritt, sondern 25 unterschiedliche Jungen und Mädchen unterrichtet, braucht Unterstützung: Differenzierungsstunden und Fortbildung, aber auch eine bessere Lehrerausbildung. Wir setzen uns bei der Überarbeitung des Schulgesetzes für eine breit-getragene Lösung ein, die über zehn Jahre trägt – am liebsten auch mit Unterstützung der Opposition. Darum ist uns der Bildungsdialog, in dem mit und nicht über die Beteiligten gesprochen wird, wichtig. In der Koalition stehen wir zu dem Zweiwegekonzept von Gemeinschaftsschulen und Gymnasien. Damit gehen wir einen bundesweit üblichen Weg.

Ganztagsschule: mehr Zeit für Lernen und Leben

Um jedem unserer Kinder individuell gerecht zu werden, ist die Ganztagsschule ein guter Weg. Projektarbeit und intensives Lernen stehen im Widerspruch zum 45-Minuten-Staccato. Phasen der Konzentration und der Entspannung müssen sich abwechseln. Dazu gehören auch gemeinsames Frühstück und Mittagessen. Deshalb wollen wir offene und gebundene Ganztagsschulen weiterhin fördern und intensiv auf ein Bund-Länder-Programm zum Ausbau von Ganztagsschulen hinarbeiten.

Kinder lernen nicht nur im Unterricht. Schule können Raum für ehrenamtliches Engagement und Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern – HandwerkerInnen und KünstlerInnen, Universitäten und Sportvereinen, Jugendarbeit und Wirtschaft bieten. Wir wissen, dass es dafür noch mehr öffentlich Unterstützung braucht.

LehrerInnenausbildung und –fortbildung: Der springende Punkt

Schleswig-Holsteins Schulen sind im Wandel. Das Wichtigste ist jetzt, den LehrerInnen alle Hilfestellung und Unterstützung zu geben, damit sie diesen Wandel erfolgreich gestalten können, denn ein Drittel der Lehrkräfte fühlt sich bereits beim Berufsstart überfordert und nur ein Drittel hält bis zum 65. Lebensjahr durch.

Viele LehrerInnen sagen uns: „Wir haben in unserer Ausbildung nicht gelernt, schwache und starke SchülerInnen gemeinsam zu unterrichten – und kennen erst recht keinen jahrgangübergreifenden Unterricht.“

Wir brauchen daher ein breites Angebot an Weiterbildung in Didaktik, Lernmethodik und Schulorganisation. Wir wollen für LehrerInnen die Möglichkeit des Austausches schaffen, um für eine Woche oder gar ein halbes Jahr Reformschulen kennen zu lernen – auch in anderen Ländern – damit gute Praxis Schule macht. Auch die Lehrerausbildung stellen wir auf neue Füße – mehr Praxis und das richtige Maß aus Fachlichkeit, Didaktik und Pädagogik.

Teilhabe durch Inklusion

Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf sollten gemeinsam mit allen anderen SchülerInnen lernen – dazu haben wir uns mit der Unterzeichnung der UN-Menschenrechtskonvention zur Inklusion verpflichtet. Wir wollen, dass unsere Schulen allen Kindern offen stehen. Und auch die SchülerInnen ohne Förderbedarf haben Vorteile davon, da sie soziale Kompetenzen erwerben und Toleranz im Alltag lernen.

In Schleswig-Holstein liegen wir im bundesweiten Vergleich vorne: Viele Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf gehen hier auf eine Regelschule. Wie legen dabei großen Wert auf die Sicherung und den Ausbau der Qualität, vorrangig in der flexiblen Eingangsphase der Grundschule. Dazu benötigen wir eine landesweite Bestandsaufnahme. Zugleich sind im ersten Halbjahr 2013 mehr als hundert Stellen für den Bereich der Inklusion zusätzlich zur Verfügung gestellt.

Wir wollen die Förderzentren zur Unterstützung anderer Schulen erhalten. Wir brauchen diese Kompetenz auf dem Weg zur inklusiven Schule, der nicht von heute auf morgen zu bewältigen ist.